Spreading Attitude Effekt in Vivo – Psychologie, Politik und Wandel

 

Heute wird mal ein wenig aus dem politisch-psychologischem Nähkästchen geplaudert. Die folgende kleine Anektdote enthält beides und demonstriert wo, meiner Ansicht nach, die größte Stärke der Piraten liegt.

An der Uni Trier trat vor geraumer Zeit eine Piraten-Hochschulgruppe zur StuPa-Wahl an. Die Mitgliederversammlung in der Hochschulpiraten in der wir das Programm verabschiedeten stand unter dem Zeichen von Übernächtigung, wir hielten uns fit mit einem koffeinhaltigem Erfrischungsgetränk, dass sich unter Piraten großer Beliebtheit erfreut. An der Uni gab es derzeit dieses Getränk nicht. Da Schlaf der kleine Bruder des Todes ist und Piraten sich für gewöhnlich als sehr lebendige Zeitgenossen herausstellen, braucht es eine Versorgungsinfrastruktur, die es uns erlaubt viel zu wachen und wenig zu schlafen.

Gesagt, Getan, Beschlossen: Wir fordern im Programm also den Vertrieb von unserem Lieblingsgetränk an der Uni. Wir machen Infostände verteilen unser Programm, reden mit Menschen, lassen sie das vorzüglichste aller Piratengetränke kosten und weisen darauf hin, dass wir uns für die flächendeckende Versorgung an der Uni einsetzen.

In der Hochschulpolitik ist man interessiert an uns, wir sind neu und Akteure der Politik klopfen uns ab. So auch das damalige Koordinierende Mitglied – das ist sowas wie der Kanzler der Studierendenvertretung – der Big Boss also. Er liest das Programm und diskutiert mit uns.

Ihm fällt Erfrischungsgetränk ins Auge. “Wie könnt ihr das fordern, das Zeug schmeckt einfach scheußlich!” Ich entgegne ihm: “Es ist fair, vegan, zuckerarm und beliebt, lässt sich gut verkaufen und die die es lieben werden uns wählen.” Jedes mal wenn ich “Big-Boss” Komi traf erzählte ich ihm also, wie viele Leute uns nur wegen des Getränks wählen würden. Kurz vor der Stupawahl nahm er mich zur Seite: “Ich werd euch jetzt mal den Wind aus den Segeln nehmen – Wir verkaufen in B15 und im Studihaus ab sofort Erfrischungsgetränk  Ich bedanke mich bei ihm:” Cool – das heißt wir können unsere Wahlversprechen schon einhalten bevor wir überhaupt gewählt wurden.”

Erfrischungsgetränk gibt es nun seit einem Jahr am Campus in den Servicestellen des allgemeinen Studierendenausschusses. Vor kurzem jedoch wurden scheinbar Mitglieder des SWT darauf aufmerksam, weil anscheinend viele Studis mit Erfrischungsgetränk durch die Gegend liefen. Sie probierte das Zeug im AstA-Servicebüro und es wird nun auch in den Mensen und Cafeterien verkauft.

 

 Spreading Attitude Effekt

Der Spreading Attitude ist ein Effekt der in der evaluativen Konditionierung auftritt. Beispiel:

Ich mag Peter, zu Klaus habe ich keine Meinung – sehe ich Klaus und Peter gemeinsam schätze ich Klaus positiver ein.

Das gleiche gilt auch andersrum. Kurz: Dinge die neutral bewertet und noch nicht emotional gelabelt sind, werden durch Dinge im unmittelbaren Umfeld gelabelt. Das ist der Grund warum Marken sich Popstars oder Sportler angeln um ihre Produkte zu bewerben.

In diesem Fall hat sich unser Wahlkampf also von selbst erledigt – und die politische Forderung hat sich auch von selbst umgesetzt ohne große Anstrengungen. Dies liegt meiner Ansicht nach daran, dass man uns nicht als politischen Gegner betrachtet hat.

 

Piraten als Informelle Macht

Eine unserer Stärken ist der Fakt, dass es schwer ist uns im politischen Spektrum zu verorten. Diese “neutrale” Verortung erlaubt es daher auch, dass von uns formulierte politische Ziele durch die reine Assoziation mit uns nicht so schnell abgewertet werden.

Im politischen Prozess lässt sich das beobachten: Auf Bundesebene wird gerade über Transparenz in Bezug auf Nebeneinkünfte debattiert. Und in RLP thematisiert die SPD nun Bürgerbeteiligung.

Kurz: Wir thematisieren, andere setzen um.

Lang: Es gibt politische Entscheidungen die Zeit brauchen. Diese Ideen verbreiten sich einfacher, wenn sie aus der Mitte der Gesellschaft kommen und augenscheinlich plausibel und wirksam sein können. Sie verbreiten sich dann besser, wenn man Gemeinsamkeiten fokussiert, auf Anfeindungen verzichtet und man charismatische Befürworter findet.

Manchmal funktionieren auch Erfrischungsgetränke. :)

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