Obsoleszenz, Verbraucherschutz und Transparenz mal anders

Ich seh es ein: Vielen bleibe ich eine Antwort schuldig. Was ist Obsoleszenz? Ich wurde gefragt und ich beantworte es. Ich fasse es in drei Worten zusammen:

Für den Müll.

Obsoleszenz kommt von obsolet – ergo: geplante Überflüssigkeit. Dies mag nach einer Belanglosigkeit klingen, es steckt jedoch viel dahinter, sowohl materiell als auch ideell. Die materielle Variante ist ein Problem des Verhaltens und die ideellle ist ein Problem des Denkens, beide sind tragende Probleme der westlichen Kultur.

 

Materielle Obsoleszenz

 

Fiese Sache, allen bekannt, aber wenig trivial wenn man sich die gesamten Ausmaße erdenkt: Wir produzieren für den Müll. Dies tun wir in vielerlei Ausrichtungen. Es werden gesamte Getreideernten verbrannt, um die Marktpreise stabil zu halten während Menschen hungern. Es werden Produkte geplant so produziert, dass sie nach der Gewährleistungsfrist kaputtgehen. Ein lehrhaftes Video habe ich ja bereits gebloggt. Die “für die Tonne”-Mentalität ist vielen bekannt, die Ausmaße, nicht unbedingt. Wir verschwenden Energie, Rohstoffe und Arbeitskraft – somit Lebenszeit – damit, Dinge zu produzieren, verkaufen oder zu entsorgen die kein Mensch braucht. Wikipedia hilft mal wieder:

Die geplante Obsoleszenz ist Teil einer Produktstrategie. Beim Herstellprozess werden in das Produkt bewusst Schwachstellen eingebaut, Lösungen mit absehbarer Haltbarkeit oder Rohstoffe von schlechter Qualität eingesetzt. Das Produkt wird schnell schad- oder fehlerhaft, kann nicht mehr in vollem Umfang genutzt werden. Der Kunde will oder muss es ersetzen.

Was ist also die adäquate Antwort?

Verbraucherschutz natürlich! Wenn ich es mir recht überlege, treten wir ohnehin schon für viele Dinge ein, die den Verbraucherschutz betreffen. Das Recht auf Privatkopie, Recht auf Privatssphäre und Transparenz – bisher allerdings nur auf Staatsebene. – Wieso eigentlich ?

Wenn wir mit der Transparenz auf Staatsebene aufhören, vergessen wir einen wichtigen Faktor, den wir (gemeint sind Piraten) selbst oft genug bemängeln. Der Staat trifft seine Entscheidungen nicht mehr selbstständig. Er trifft Entscheidungen abhängig von der Wirtschaft. Sofern wir keine Transparenzansprüche an die Wirtschaft stellen, werden wir nicht nachvollziehen können, ob Entscheidungen in der Exekutive unseres Bundes, Landes oder der Region sinnvoll gefällt wurden. – Daher greift die Forderung nach einem transparentem Staat streng genommen nicht weit genug.

Wenn wir den Hebel wollen, den wir brauchen, um ein menschenwürdiges Leben zu ermöglichen, dürfen wir nicht bei der Transparenz des Staates aufhören. Wichtiger ist es den Menschen möglich zu machen, herauszufinden welche Produkte sie kaufen, welche Eigenschaften diese Produkte haben und wann sie aufhören werden zu funktionieren. Zudem müssen auch die Gewährleistungspflichten verlängert werden.

Insgesamt müsste der Verbraucher über folgende Aspekte des Produktes Informationen erhalten, damit er eine vernünftige Kaufentscheidung fällen kann:

 

  • Wieviel Energie/ Rohstoffe wurden zur Herstellung benötigt?
  • Wieviel Energie wurde für den Transport aufgewandt?
  • Wie lange wird das Produkt nutzbar sein?
  • Wie groß ist die Gewinnspanne des Produktes?
  • Wurden die Arbeitskräfte fair bezahlt?
  • Was sind die Inhaltsstoffe?
Sicherlich kann man sich von einem Kunden wünschen nur “gute” Waren zu kaufen, dafür fehlt ihm allerdings derzeit schlichtweg die Grundlage. Grund: mangelnde Transparenz. Der Wunschtraum vom souveränen Verbraucher endet dort, wo die Transparenz der Unternehmen endet.

 

Ideelle Obsoleszenz

 

Dieser Punkt ist noch weniger trivial als der erste. Wir greifen Gedanken auf um sie wegzuwerfen. Für viele Probleme gibts es Ursachen, die tiefer sind, als dass was uns phänomenal entgegentritt.  Wir treffen  Adhoc-Entscheidungen und hoffen, dass sie funktioneren. “Neuwagenprämie”, “Bankenrettung”, “EU-Rettungsschirm” sind Maßnahmen, die schon von vornherein dazu vorprogrammiert  sind zu scheitern, weil sie das Problem nicht an der Wurzel fassen. Das Problem ist hier dem Überfluß an Informationen in der Informationsgesellschaft und die mangelhafte Aufarbeitung und Diskussion der Inhalte.

Dieser Drang danach zwingend aktuelle Begebenheiten gegenzuregulieren führt meines Erachtens zu drei Problemen:

  1. Einem bald nicht mehr nachzuvollziehendem Regelwerk bzw. Rechtssystem
  2. Zu Regulationseffekten, die wiederum reguliert werden müssen
  3. Zur Verwaisung bestehender funktionaler Konzepte

Der dritte Punkt mag kontraintuitiv erscheinen, er ergibt sich jedoch aus der Struktur des politischen Systems. Ressourcen in Form von Arbeitskraft sind auch in beschlussfassenden Gremien begrenzt, wächst ein Regelsystem steigt die Anzahl von Wechselwirkungen zwischen den einzelnen Regeln. Es wird schwieriger Kausalitäten zu erkennen, was oft dazu führt, dass Phänomene entstehen, die wiederum zu fundamentalen Fehleinschätzungen führen. Dies gilt natürlich auch für das Wachstum von Informationsquellen.

In der materiellen Obsoleszenz ist Neophilie ein entscheidender Faktor – in dem Fall als der Drang etwas neues zu besitzen. In der ideellen Obsoleszenz bedeutet dies eher die Neigung sich neuen Informationen zuzuwenden und neuen Lösungen. In der Psychologie gibt es einen Namen für den Prozess, der Neophilie verursacht, er nennt sich Habituation. Dieser Effekt in der grundsätzlichen Informationsverarbeitung ist derart basal, dass er selbst schon bei Schaltkreisen einer Seeschnecke nachgewiesen kann, die lediglich drei Neuronen besitzt.

Wir stellen an diesem Punkt zusammenfassend fest, dass sowohl Wissen als auch Meinungen exponentiell anwachsen, und der Mensch in nicht geringem Grad dazu neigt neue Erkenntnisse gegenüber den alten vorzuziehen, auch wenn sie weniger fundiert sein mögen.

Dadurch werden Meinungen, Erkenntnisse und Reflexionen zu Wegwerfprodukten. “Die normative Kraft des Faktischen” wird zum politischen Gradmesser und Fakten die geschaffen wurden werden folglich zum handlungsweisenden Bias. Dieser aktualpolitische Bias verzerrt den Blick auf das Wesentliche und damit auch auf den Blick auf die adäquate Lösung.

Daher sehe ich es nicht als Verlust, sondern als Gewinn an, dass die basisdemokratische Ausrichtung der Partei uns vor tagespolitischen Schnellschüssen bewahrt. Die Konzeption eines robusten Regelwerkes erachte ich als wichtiger, als die Regulation von zeitlich begrenzten Phänomenen. Basisdemokratie darf man in diesem Sinne durchaus als doppeldeutig sehen:

In der Basisdemokratie werden neue Lösungen erst konsensusfähig, wenn sie dem Großteil der Beteiligten als sinnvoll erscheint. – Wenn sie an der Wurzel wirken und nicht am Blatt. Bis dieser Beschluß gefasst wurde, ist die aktuelle Wirtschaftskrise, die Fußball-WM oder nächste Konzernpleite längst vorbei. Ich sehe es als echte Chance, dass versucht wird ein Regelsystem zu erstellen, das nicht im “Rausch der Gegenwart” generiert wird, um dann schnellstmöglichst wieder obsolet zu werden.

Was ist also das Heilmittel gegen Habituation ?

Ganz klar: Deliberation – an der Basis.

 

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>