Erfahrungsbericht: Zweiter Inklusionskongress Mecklenburg Vorpommern

Heute hat der zweite Inklusionskongress Mecklenburg-Vorpommerns stattgefunden. Die Diskussion um das Thema Inklusion wird umso hitziger geführt je näher die Umsetzung rückt. Die UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderungen wurde von der EU ratifiziert und wird daher in Deutschland umgesetzt werden. Die Frage bleibt vor allem im Schulbereich noch wie das geschehen wird.

Derzeit wird heftig debattiert ob und in wie fern die Umsetzung der Inklusion sich mit einem mehrgliedrigem Schulsystem sinnvoll realisieren lässt. Doch nun zur Berichterstattung und Ausdeutung des Erlebten.

Mathias Brodkorb - MINISTER FÜR BILDUNG

Brodkorb eröffnet kurz knackig den Kongress. Grundtenor der Einleitung, die ich in der Form unwidersprochen teilen kann: ” Die Inklusion wird kommen, die Frage ist nicht ob sondern wie”, daher sei es wichtig verschiedene Standpunkte zu diskutieren und sie in einen gemeinsamen Kosens zu transformieren.

Thomas Jackl  - Leiter der Schulabteilung

Jackl berichtet relativ knapp über die Arbeit der Expertenkommission. Er hebt hervor, dass seiner Ansicht nach, neben den statistischen und wissenschaftlichen Erkenntnissen der Mensch nicht aus dem Blickfeld geraten solle. Auch an dieser Stelle wird betont, wie wichtig es sei einen gemeinsamen Konsens bei der Implementierung der Inklusion zu finden.

Prof. Dr. Preuss-Lausitz – FU Berlin

Preuss-Lausitz spricht sich für die Inklusion aus. Sie sei in vielen Ländern erfolgreich verlaufen und sollte auch in Deutschland umgesetzt werden. Er spricht sich für eine Auflösung des mehrgliedrigen Schulsystems aus- ob es eine Binnendifferenzierung geben soll, lässt er offen.

Ich finde einige Ansatzpunkte die ich später in der Recherche vertiefen will, steige aber mental aus, als Preuss-Lausitz beiläufig meint eine Evaluation des Inklusionsprozesses sei nicht notwendig, da ja auch bei der Gründung der ersten Schulen nicht im Vorfeld evaluiert wurde ob das Verfahren sinnvoll sei. Im Vorfeld argumentierte Preuss-Lausitz unter anderem mit Kennziffern aus PISA und wissenschaftlichen Arbeiten. – Kennziffern die ihren Ursprung in der Evaluation des Bestehenden haben.

Prof. Dr. Heller – LMU München

Heller spricht sich für eine Beibehaltung des mehrgliedrigen Schulsystems aus. Er argumentiert, dass die Jugendarbeitslosigkeit in einigen Ländern Deutschlands unter dem OECD-Schnitt liegen und benutzt dies als Argument für das mehrgliedrige Schulsystem, dass hier auch infrastrukturelle Aspekte und die Wirtschaftsstärke Deutschlands eine Rolle spielen bleibt unerwähnt.

Heller punktet allerdings mit der Forderung, dass der Inklusionsprozess evaluiert werden sollte. Er benutzt den Vergleich zur Zulassung von Arzneimitteln – auch hier ein ungünstiger Vergleich. Die USA haben viele Interventionen evaluiert und konnten so einige forschungsgeleitete Interventionen in verschiedensten Bereichen qualifizieren.

“Diskussion”

Die Diskussion fiel spärlich aus, der Zeitplan drängte. Drei Fragen wurden beantwortet. Alles in allem hätte es hier mehr Zeit gebraucht. Darüber hinaus wäre eine bessere Vorbereitung der “Diskussion” hilfreich gewesen – später mehr dazu.

Pause

Das Essen ist gut und der magische Kaffebecher, der sich immer wieder aufs Neue füllt gibt mir Kraft.

Forschungsbericht – Prof. Hardtke – Uni Rostock

Nach der Pause wurden fünf verschiedene Workshops angeboten. Ich habe diese Veranstaltung gewählt um mir einen Überblick über die Fruchtbarkeit der derzeitigen Bemühungen zu machen. Zusammengefasst kann man nur sagen: Nichts genaues weiß man nicht – es war ein Zwischenbericht.

Eingangs greift Hardtke die im Vorfeld erwähnten Aptitude Treatments Interventions auf und erklärt Response Treatment Interventions – diese wurden in der Modellschule angewandt. Kurz: Man verschafft sich regelmäßig durch einen Abfrage einen Überblick ob ein Lernfortschritt erzielt wurde, ist das der Fall erfolgt eine Reaktion (Response). Je nach Reaktion prüft man weiteren Förderbedarf.

Die Modellschule auf Rügen wurde hierbei mit einer Schule aus der Stralsund verglichen. Die Probanden wurden parallelisiert, das heißt man hat für jeden Probanden einen Zwilling gesucht. Dann wird geprüft, welchen Einfluss das herkömmliche System gegen die Modellschule hat.

Eine endgültige Aussage konnte hier nur getroffen werden, für die Schüler, die nicht in Diagnoseföderklassen sind (oder wären). Die Effekte bei diesen Schülern sind in etwa identisch. Die Ergebnisse für die Zwillinge die in Diagnoseföderklassen sind (oder wären) stehen noch aus und konnten bisher nicht erhoben werden.

Schade an dem Versuch: Gerechnet wurden anscheinend T-Tests. Mit T-Tests lassen sich zwar die Referenzgruppen gegeneinander vergleichen, allerdings gibt es für solcherlei Studien mittlerweile Verfahren, die die Datenstruktur besser abbilden können. Erwähnt seien hier Hierarchische Lineare Modelle, die aufklären können, ob die Varianz eher durch die Klassen, die Schule oder die Probanden als solches erklärt werden können.

Da hier Schulmodelle getestet werden sollen, wären Hierarchische Lineare Modelle das Mittel der Wahl um die Daten sinnvoll zu interpretieren. Auf Nachfrage wird mir mitgeteilt, dass die Daten eine solche Auswertung hergeben würden. Ob diese Auswertung auf diese Art und Weise jemals geschehen wird, hängt maßgeblichem vom finanziellen Faktor ab.

Schlussrede

Auch die Schlussrede durch Brodkorb ist eher knackig, es werde weitere Kongresse geben – die nächsten werden sich mit konkreten Aspekten der Umsetzung beschäftigen.

Feedback

Das Catering: War super! Ein immervoller Kaffeebecher, kostenfreie Getränke und leckeres Essen.

Die Redner: Brodkorb und Jackl leiteten lediglich durch Auftakt ein, das war dem Kontext durchaus angemessen.

Heller und Preuss-Lausitz redeten hingegen länger, durchaus mit relativ konkreten Messages, die beide zum Teil ihre Berechtigung haben. Sowohl eine Evaluation der Implementierung von Inklusionsschulen sollte stattfinden, als auch das dreigliedrige Schulsystem nochmals auf den Prüfstand gestellt werden. – allerdings nicht ohne Binnendifferenzierung zu diskutieren. Präsentationen gab es keine – schade, denn man hätte durchaus einige der genannten Quellen einblicksartig besprechen können.

Technische Ausstattung: Zwei Projektionsflächen und nur ein Redner verwendet die Möglichkeit sie zu nutzen. Kein W-Lan-Zugang, kein Stream, keine Twitterwall. Das Internet kann man grade bei dieser Anzahl der Akteuren als Interaktionsraum nutzen, das wurde bisher versäumt. Gerade weil der Inklusionsprozess konsensusbasiert gestaltet werden soll, wäre eine stärkere Benutzung des Webs empfehlenswert. Mehr als Flyer und Manuskriptdownload wird wohl nicht angeboten werden – webbasierte Interaktion sieht meines Erachtens anders aus.

Workshops: Mein Workshop war eher frontal. Die Interaktionsstellen die sich boten wurden leider blockiert. Die wesentlichen Informationen habe ich erst im Anschluss an den Workshop bekommen. Mich würde interessieren wie die anderen Workshops gelaufen sind, da es aber nur möglich war einen zu besuchen, kann ich hier kein umfassenderes Urteil bilden.

Die Diskussion: Die Diskussion war leider viel zu kurz. In Zukunft wäre es sinnvoll die Grundthesen der Diskutanten im Vorfeld zu veröffentlichen und ebenso im Vorfeld schon Fragen von Interessenten zu sammeln, so dass bereits im Vorfeld der Diskussion ein Fragenpool besteht, auf den man zurückgreifen kann. Vor Ort würde ich das Ganze eher in einer moderierte Podiumsdiskussion gestaltet sehen, die sich allerdings die Option offen lässt Fragen an das Publikum, als auch an die Experten zu stellen.  So ließe sich ein Dialog in beide Richtungen führen, während die Diskussion am Samstag eher den Charakter eines Frage-Antwort-Spiels für die Experten hatte. Hierfür bedarf es allerdings eines sehr erfahrenen Moderators.

Was würde ich anders machen?

Internet als Interaktionsraum: Leider werden die Möglichkeiten der Teilhabe nicht optimal genutzt. Um auf dem Kongress besprochene Themen weiter zu diskutieren, könnte man Microbloggingdienste und Blogs in den Ablauf integrieren. Auf Twitter kann parallel zur Veranstaltung diskutiert werden, in Blogs könnte man das geschehene reflektieren und bekäme dadurch auch einen Einblick in die anderen Workshops. Twitterwalls in Workshops ermöglichen das aufgreifen von Fragen an geeignetem Zeitpunkt oder die Reaktion auf divergierende Meinungen.  Ein Stream nach draußen, könnte auch von Leuten verfolgt werden, die örtlich oder zeitlich gebunden sind.

Generell frage ich mich: ob eine zweitägige Veranstaltung nicht sinnvoller wäre. Fünf Workshops bei der Breite der Thematik sind relativ wenig. Zudem könnten bei einer zweitägigen Veranstaltung die Workshops doppelt angeboten werden. Das würde bedeuten, dass die Teilnehmer relativ gut die interessierenden Themenbereiche nachvollziehen können, die sie interessieren. Als Workshopleiter würde das bedeuten, dass man bei interaktiven Workshops mitunter zu unterschiedlichen Ergebnissen kommt und damit das Inputspektrum erhöht.

Das Angebot: Sollte künftig eindeutig gelabelt werden. Eine Unterscheidung in Referat, Diskussionsrunde und Workshop ist durchaus hilfreich. Die drei Veranstaltungsarten haben unterschiedliche Vorraussetzungen und sollten auch stringent nach den jeweiligen Anforderungen geplant werden.

 

 

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